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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Februar 2006

Taktiktisch

Der deutsche Fußball wiederholt den Historikerstreit

Wer auf dem Rasen die Guten und wer dort die Bösen sind, kann keine Historikerkommission klären. Trotzdem ist nun ein Streit um die deutsche Fußballgeschichte ausgebrochen, der in seiner persönlichen Heftigkeit wie eine Wiederaufnahme des vor zwanzig Jahren geführten Historikerstreits um die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen wirkt. Auf einer Tagung im Kloster Irsee in Oberschwaben rief Nils Havemanns im Auftrag des DFB verfaßte Studie "Fußball unterm Hakenkreuz" (F.A.Z. vom 19. Oktober 2005) fast ein halbes Jahr nach ihrem Erscheinen einen regelrechten Eklat hervor.
Nicht nur, daß man den anwesenden Mainzer Historiker auf der Konferenz über "Fußball im Nationalsozialismus" als "jungen Linkenfresser" beschimpfte, ihm "Zynismus" und haarsträubenderweise sogar die "Verharmlosung des Holocausts" vorwarf. Havemann, der in dreijähriger Forschungsarbeit die Archive zur Verbandsgeschichte, befragte und eine hochsachliche Studie vorlegte, wurde auch noch ausgeladen, an einer Publikation über "Fußball im Nationalsozialismus" teilzunehmen, die in dem für Sportgeschichte einschlägigen Göttinger Verlag "Die Werkstatt" erscheinen soll.
Markwart Herzog von der Schwabenakademie Irsee, der die wider Erwarten explosive Tagung klug leitete und zu den Herausgebern des geplanten Sammelbandes gehört, machte in der Begrüßung keinen Hehl aus seiner Verwunderung über den Rausschmiß, der auf Drängen des Werkstatt-Verlags erfolgt sei. Anstelle des Grundsatzartikels von Nils Havemann wünsche sich der Verlag einen Text des ebenfalls auf der Konferenz präsenten Publizisten Arthur Heinrich - brisanterweise Autor des 1999 erschienenen Buchs "Der Deutsche Fußball-Bund - eine politische Geschichte" - dem Havemann anhand der Quellen zahlreiche Sachfehler und eine unhaltbare Grundthese nachweisen konnte. Offenbar will Heinrich, der die Studie seines Kontrahenten schon kurz nach der Präsentation in der "Welt" verreißen durfte, sein Porträt der Fußballfunktionäre als deutschnationaler Gesinnungstäter vor Kratzern schützen.
Man könnte diese für alle Anwesenden unangenehmen Verwicklungen als übliche Verlagsintrige abtun. Tatsächlich aber geht es darum, die Deutungshoheit über die Geschichte des deutschen Fußballs festzuschreiben. Warum ließen sich selbstbezügliche Eigenwelten wie der Sport, die Kunst oder die Wissenschaft so leicht ins nationalsozialistische System einbauen: aufgrund ihrer ideologischen Anfälligkeit - oder gerade im Gegenteil deshalb, weil sie sich als ideologiefreie Zonen definierten? Havemanns Skandal liegt in seiner völligen Abwendung von der Ideologiekritik. Anstatt die DFB-Funktionäre als Opfer eines Verblendungszusammenhangs zu behandeln, deutet er ihre Anbiederung an die Nazis als Mimikryaus kaufmännischem Kalkül. Der lupenreine Materialismus dieses Ansatzes erinnert verblüffend an Götz Alys erst nach Abfassung der Studie erschienenes Buch über "Hitlers Volksstaat".
Gegen Havemanns illusionslose Perspektive steht die Sehnsucht nach einem klaren ideologischen Raster, das sich über die Geschichte legen läßt. So entdeckte der Sportpädagoge Lorenz Peiffer aus Hannover im Schulsport ein nationalsozialistisches Fußballkonzept, das angeblich fast im Zweck der Kriegsvorbereitung aufging. Aber werden geharnischte Werte wie "Manneszucht" und "Gemeinschaftsgeist" einer Mannschaft nicht auch heute spätestens nach der vierten Niederlage in Folge eingeimpft?
Einen bestechenden Beleg für die These eines seinem Wesen nach wesenslosen Sportsystems, das sich zu Zwecken der Selbsterhaltung an jede Umwelt anpaßt, lieferte Markwart Herzog auf Basis seiner Archivstudien zum 1. FC Kaiserslautern. Herzog zerlegte das Klischee vom "nationalkonservativen Verein" - und porträtierte den pfälzischen Klub als "ziemlich bunte Truppe", die 1933 noch SS-Schläger, Kommunisten und jüdische Frontkämpfer vereinte und nur durch fanatische Vereinsmeierei zusammengehalten wurde. Fast ist man versucht, die Fußballvereine an der Schwelle zum Nationalsozialismus mit einem Modewort. als "heterogene Gesellschaften" zu bezeichnen. Nicht einheitliches Gedankengut, sondern nur der Gedanke ans nächste Spiel hielt sie zusammen - und ihre politische Einstellung entwarfen sie je nach Tagesform am Taktiktisch.
Markwart Herzog wird sich, nachdem auch er für seinen Vortrag in schärfster Weise zurechtgewiesen wurde, die Mitherausgeberschaft an einem gegen unpassende Befunde abgeschotteten Sammelband sicher überlegen. Sein Hinweis auf "das sozialistische Element im Nationalsozialismus" allein genügt jedenfalls kaum zur Erklärung des heiligen Zorns von Dietrich Schulze-Marmeling, Lektor des Werkstatt-Verlags und neben Herzog und Peiffer dritter Herausgeber des geplanten Bandes. Vielleicht graut jenen Historikern, welche die Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit dem Ideologiebefund für abgeschlossen hielten, ja auch nur vor der Idee eines politischen Vakuums im Inneren ihres Lieblingssports. Denn mit dem fragwürdigen Konzept des strammrechten Fußballs steht und fällt auch die uneingelöste Utopie eines linken Fußballs. Vielleicht würde ja schon die Einsicht weiterhelfen, daß man keine moralische Rechtfertigung braucht, um an jedem verdammten Samstag ins Stadion zu gehen oder die Sportschau einzuschalten.
ANDREAS ROSENFELDER





Schwabenakademie Irsee
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